Die große Neugierde als treibende Kraft

Der Fotograf und Designer Rolf Nachbar

Der Mensch wollte schon immer die Gegebenheiten seiner Umgebung festhalten. Vor Urzeiten mit Zeichnungen an Höhlenwänden, später mit Gemälden und Stichen, mit Zeichenmaschinen und der Camera Obscura im 18. Jahrhundert. Im frühen 19. Jahrhundert entstanden dann die ersten Fotografien auf einer mit Asphalt, Jod und Silber beschichteten Kupferplatte und einer Belichtungszeit von mehreren Stunden. Die Geschichte und Faszination der Fotografie ist nachzulesen und erzählt von den Entwicklern und Tüftlern aus dieser Zeit. 1973 beginnt dann der Weg in ein völlig neues Zeitalter der Fotografie – der Quantensprung ins Digitale. Heute lenkt der Computerchip auch in der kleinsten Kamera die Geschicke seines Besitzers – erkennt Gesichter, Lichtverhältnisse, Aufnahmesituationen und weiß Gott was noch alles. Was bleibt da dem gelernten Fotografen? Dem kleinen Porträtstudio stehen da schwere Zeiten bevor, denn auch der Filmverkauf und die früher noch teure Bildentwicklung fällen heute oft weg – Bilder werden jetzt selbst ausgedruckt oder lagern auf dem Smartphone, Laptop oder in der Cloud, von wo aus sie immer und überall gezeigt werden können.
Also, die Luft ist dünn geworden für den Berufsstand des Fotografen. Denn was muss ein Fotograf heute eigentlich sein – Lichtbildner, Künstler, IT-Experte, Designer oder Handwerker?
„Wer heute in diesem Business erfolgreich sein möchte, benötigt eine ausgesprochen umfassende Kompetenz in vielen Bereichen“, so der Fotograf und Designer Rolf Nachbar – und der muss es wissen, davon bin ich überzeugt nach meinem Besuch in Albertshausen. Wir sitzen bei sommerlichem Wetter im beschaulichen Hof, links das sanierte Bauernhaus, rechts die zum Studio und Büro umgebaute alte Scheune von 1835. Rolf Nachbar hat sich Zeit genommen und die ist meist knapp bemessen – kam er doch erst vor kurzem nach drei Wochen Asien zurück in die Heimat. Nein, nicht aus dem Urlaub, er hat da gearbeitet. Aber davon später.
Vor etwa 30 Jahren entstand der Wunsch, Fotograf zu werden. Gedacht, getan – gleich nach dem Abitur begann er eine Ausbildung an der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt in Braunschweig. Nach deren Abschluss und dem damals üblichen Zwischenstopp bei der Bundeswehr war der Wissensdurst noch nicht gestillt und Nachbar begann, Fotodesign an der FH Darmstadt zu studieren. Zur Finanzierung des Studiums heuerte er gleichzeitig beim Hessischen Rundfunk an und arbeitete bei HR 3 in der Reise- und Verkehrsredaktion. Dann ein entscheidendes Auslandssemester. Dazu muss man wissen, dass Rolf Nachbar, in der Autostadt Wolfsburg geboren und aufgewachsen, schon in der Jugend Benzin im Blut hatte und somit von VW infiziert war. Um das zu unterstreichen fügt er lachend an: „Wenn du da mit einem Opel vorgefahren wärst, hätten dich die Leute gesteinigt. Auch meine beiden Eltern haben bei Volkswagen gearbeitet!“

Auslandssemester bei VW in Detroit

Zurück zum Auslandssemester. Der Jungdesigner war inzwischen bei VW in Detroit (Michigan, USA) angekommen und dort in der Marketingabteilung – Bereich Fotografie. „Hier konnte ich unglaublich viel lernen. Ich arbeitete mit Top-Fotografen zusammen, erstellte Briefings und musste als Auftraggeber darauf achten, dass die gewünschten Fotoergebnisse auch entsprechend genau realisiert wurden. An das Auslandssemester hängte Nachbar noch drei Ferienmonate dran, um nach neun Monaten und um viele Erfahrungen reicher wieder nach Hause zu kommen.
Nach dem Studium gelangte Rolf Nachbar dann 1990 ins Frankenland und arbeitete zunächst in einer Werbeagentur.
In Reichenberg wohnend, begann hier 1993 seine Selbstständigkeit und etwas später der Umzug in das 200 qm große Studio in Albertshausen. Rolf Nachbar erinnert sich: „Zuerst bekam ich Aufträge aus dem Food-Bereich und war schnell bekannt dafür, wie gut ich das Thema Wein umsetzte. Schmuck kam dazu und dann der erste richtig große Kunde: Möbel Neubert.“
Alleine war die Arbeit jetzt nicht mehr zu schaffen und der erste von später weiteren Mitarbeitern wurde eingestellt – dazu in die Infrastruktur investiert, damals in ein klassisches Labor, einen Scanner und einige Apple-Macintosh-Computer. Jetzt finden auch große Unternehmen aus der Automobilbranche ihren Weg nach Franken, und das Studio in Albertshausen wird unter anderem von VW, Audi, Opel, Mercedes und Porsche gebucht. Namhafte Hersteller von Freizeit- und Campingfahrzeugen kommen als Kunden hinzu – von Hymer, Concorde, Carado bis zu Westfalia. Außerdem können Rolf Nachbar und sein Team bei Bavaria punkten, einem der größten europäischen Yachtbauunternehmen.
„Der Wechsel von der klassisch analogen zur digitalen Fotografie war bei uns ein fließender Übergang“, erklärt Nachbar auf meine Frage und erinnert sich, in dieser Zeit richtige Pionierarbeit geleistet zu haben. Zusammen mit einem weiteren Pionier, dem Würzburger Tilman Hampl, wurde der erste interaktive Würzburger Stadtführer im Auftrag des Medienunternehmens Krick auf CD-Rom erstellt. „Es war eine unglaublich spannende Zeit, und wir erarbeiteten uns schon sehr früh umfassende Kenntnisse in der digitalen Bildbearbeitung. Die ist heute unabdingbar, um den ständig wachsenden visuellen Wünschen großer regionaler oder internationaler Kunden gerecht zu werden – oder sie immer ein Stückchen zu übertreffen“, fügt der Fotograf mit einem Schmunzeln hinzu.

... Zauberer zwischen den Welten

Heute gehören Rolf Nachbar und sein Team in Deutschland zu den Top-Werbefotografen. Sie sind Zauberer zwischen den Welten und machen das schier Unmögliche möglich. Wie beispielsweise für Volvo CE, einen der größten Baumaschinenhersteller der Welt. Da steht eine neue 38 Tonnen schwere Baumaschine in Korea und soll fotografiert werden. Nachbar und ein Assistent machen sich auf den Weg. Im Gepäck für die Fotoproduktion nur das Wichtigste – Hasselblad und Nikon, verschiedene Objektive und das Apple Notebook. Weitere Technik, wie zum Beispiel Lampen, gibt es dort vor Ort. Gut zehn Stunden dauert alleine der Flug. Dann schlägt zuerst der Jetlag zu und bringt den Schlaf-Wach-Rhythmus durcheinander. Aber da müssen die Männer durch. Viel schlimmer ist es am nächsten Tag an der Baustelle – das Wetter grau in grau, der Boden zwischendurch mit Schnee bedeckt und die Baumaschine teilweise verdreckt.

... der Kunde ist König

Das Briefing des Kunden Volvo ist klar – die kraftstrotzende Maschine soll im gleißenden Gegenlicht und im Umfeld einer fernöstlichen Metropole gezeigt werden, mit reduzierten Tonerwerten als Rahmen der kräftigen Produktfarben. Als erstes werden einige Teile des „Monsters“ abgeschrubbt, was weniger Zeit bedarf, als alles aufwendig zu retuschieren, dann werden die Bilder gemacht. Die Aufnahmen werden kurz darauf über schnelle Datenleitungen nach Deutschland geschickt, wo sie umgehend von den Mitarbeitern in Albertshausen, alles Fotografen und gleichzeitig Postproduktionsspezialisten, bearbeitet werden. Die vielschichtigen Retuschen verwandeln Zug um Zug das gesamte Umfeld der Maschine. Der wolkenblaue Himmel stammt dann aus Franken, die großflächigen Erdaufwürfe von der A3, der kleine Wald aus Schweden, das Gebirge aus Amerika und die Hochhäuser im Hintergrund aus Abu Dhabi. Ineinander gefügt, mit Licht und Schatten versehen und farblich abgestimmt entsteht so das Bild, das sich der Kunde wünscht. „Wir reisen viel im asiatischen Raum“, und Nachbar zählt auf: „Vor allem nach China, Indien und Korea. Da läuft ein gewaltiger Bauboom und weltweit werden Baumaschinen zu 70 Prozent dorthin verkauft. Was da gebaut wird, ist unglaublich und eine Satellitenstadt mit Wohnungen für 25.000 Menschen wird dort gerade als mittelgroße Baustelle bezeichnet.“

... die „Alchemistenküche“

Für seine Kunden im Bereich Camping- und Freizeitfahrzeuge ist Nachbar in Europa unterwegs. Aber auch hier muss oft „gezaubert“ werden, und die „Alchemistenküche“ kann sich sehen lassen. „Derzeit haben wir über 5000 Himmel und 2000 Straßenbilder in unserem Archiv und viele, viele andere Aufnahmen“, erzählt Nachbar stolz, deutet zum fränkischen Himmel und meint lachend: „Schöne Wolkenformationen heute – davon könnte ich später noch einige Aufnahmen machen.“

... gut eine Tonne Equipment

Kommt also ein neues Reisemobil, läuft gleichzeitig die Marketingmaschinerie an. Da rückt das Team schon mal mit Equipment an, das gut eine Tonne wiegt. Die Ausleuchtung muss optimal sein, damit der Innenraum einen Tageslichteindruck vermittelt. Einzelne Details wie Küchenblock, Bett, Schränke, WC und Dusche, Fahrerkabine und anderes Wichtige werden in Szene gesetzt, von außen das Fahrzeug ebenfalls rundum und in allen möglichen Perspektiven abgelichtet – der Rest ist Arbeit am Rechner. In Prospekten oder Anzeigen ist dann das neue Freizeitgefährt auf einer griechischen Insel, auf einem Gebirgspass, einer Landstraße oder an einem Nordseestrand zu sehen. So ähnlich geht es auch bei Aufnahmen von Yachten und Booten zu, die – einmal von innen und außen fotografiert – in allen möglichen Gewässern computertechnisch zu Wasser gelassen werden.
Rolf Nachbar hält leidenschaftliche Plädoyers für seine Arbeit. Er sagt kurzerhand einen Termin ab, um unser Gespräch fortführen zu können, bittet seine Frau, uns einen Cappuccino zu machen, und antwortet auf die Frage, was ihn denn neben aller Technik so erfolgreich macht: „Primär ist es wohl die Neugierde! Sie ist mein wichtigstes Werkzeug. Leidenschaftliche Neugierde auf jedes einzelne Projekt. Und die habe ich mir bis heute erhalten.“ Gleichzeitig und zum wiederholten Mal gibt er mir zu verstehen, dass sein Erfolg auch immer ein Erfolg des gesamten Teams sei, ohne dessen Professionalität diese hochklassige Arbeit nicht möglich wäre.
Manche Projekte faszinieren jedoch schon aus sich selbst heraus, so etwa der Auftrag für Bosch Rexroth, dem Weltmarktführer im Bereich Industriehydraulik. Für ihn durfte Nachbar Fotos und eine Filmdokumentation in der Türkei erstellen. Hier wurde die Deriner-Talsperre gebaut und ein Wasserkraftwerk der Superlative. Das Kraftwerk deckt seit 2013 einen Großteil des türkischen Energiebedarfs ab. „Da stand ich auf einer der höchsten Talsperren der Welt und schaute auf das 70 km lange Stauseegebiet. Gigantisch, wie der Mensch ein Bauwerk aus etwa 3,5 Millionen Tonnen Beton erschafft und die Energieversorgung damit gestaltet“, erzählt der Bilderreisende fasziniert.

... nicht nur Superlative

Also nur immer Superlative im Job, frage ich. Nein, der Endvierziger winkt ab und besteht auch auf seiner fränkischen Bodenhaftung: „Wir haben natürlich auch in Franken oder noch direkter in Würzburg unsere Kunden.“ Da werden schon mal für eine Genossenschafts-Bank und im Auftrag einer Agentur „real people“ für eine Anzeigenkampagne fotografiert und für eine kleine Bäckerei in Heidingsfeld die Fotos für einen Imageprospekt geschossen. Dazu schickt Nachbar ein Statement nach: „Wir sind einfach näher dran und erfahren, was der Kunde genau möchte – Bilder von Bildagenturen wirken oft nicht real und können den direkten bildlichen Wunsch eines Kunden nicht wiedergeben. Unsere Bilder kann sich auch der mittelständische und kleine Betrieb leisten – dafür erhält der Kunde Bildmaterial, zu dem er 100-prozentig Ja sagen kann und welches seine Firma authentisch widerspiegelt.“

... Zeit für freie Arbeiten

Neben all der Businessfotografie nimmt sich Rolf Nachbar auch hier und da noch die Zeit für freie Arbeiten. So nennt der Fotograf Bilder, die nicht im Auftrag eines Kunden gemacht werden und einen Ausgleich zur kommerziellen Arbeit darstellen. Er macht Projekte, die er Licht-Raum-Zeit nennt, hat ein Faible für Oldtimer und setzt diese gekonnt in Szene oder fotografiert altes Spielzeug. Und dann wäre da noch die Landschaftsfotografie zu nennen. In ihr produziert Nachbar visuelle Träume, von der mit Farbe getränkten Aufnahme bis zur spirituell anmutenden Schwarzweißfotografie. Dafür geht er oft nicht weit, findet seine Motive im Fränkischen und oft gleich vor der Tür. „Da ich wenig Zeit habe, zwinge ich mich manchmal noch vor Sonnenaufgang aus dem Bett und gehe für zwei Stunden auf Motivjagd. Oder am Abend im Sommer, wenn die Sonne schon tief steht, auf die Felder und Fluren in der Umgebung. Es entspannt mich jedesmal, alleine in der Natur unterwegs zu sein – um mit offenen Augen das Ungewöhnliche im Gewöhnlichen zu entdecken.“
Natürlich liegt die Kamera auch auf allen Fahrten im Auto griffbereit. Überall trifft Nachbar auf Motive, die er später einmal gebrauchen kann und die vorerst ins Archiv wandern.

... der Jahreskalender

Sein nächstes freies Projekt ist schon geplant. Er möchte Bilder vom Wasser aus machen – im Bach stehend oder aus dem Boot auf dem Meer, auf Flüssen und Seen. Ein spannendes Projekt, findet Nachbar, und vielleicht sind es Motive, die in einem seiner nächsten Jahreskalender zu sehen sein werden. Die erstellt er jedes Jahr in limitierter Auflage – für gute Kunden, Freunde und alle anderen Fotofreunde auf der Homepage bestellbar: www.nachbar.de

Roland Schwerdhöfer

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