Wo Wasserbüffel, Gallowayrinder, Schafe, Pferde, Hunde und Katzen zusammenleben

Reinhold Tausch und seine Familie aus Bergrothenfels im Naturpark Spessart betreiben eine außergewöhnliche Landwirtschaft

Machen Sie doch einmal einen Ausflug ins Hafenlohrtal. Von Würzburg aus sind es keine vierzig Kilometer, um über Marktheidenfeld das artenreiche Biotop mit seiner einzigartigen Naturlandschaft zu erreichen. Als das wohl bekannteste Spessarttal und Naturschutzgebiet bietet die Kulturlandschaft des Hafenlohrtals eine unglaublich vielfältige Fauna und Flora. Seltene Tiere wie Biber oder Lurche bis hin zum kleinen Eisvogel haben hier in den Auen der Hafenlohr ihr Zuhause gefunden. Ist man wandernd oder mit dem Fahrrad unterwegs, gibt es in der unberührten Natur viel zu bestaunen und zu erkunden. Was dann für viele ein befremdlicher Anblick sein dürfte, sind Wasserbüffel, die gerade Schilf fressen oder sich in einem Schlammloch der Hafenlohr suhlen. Um mehr über diese Tiere zu erfahren, muss man vom Tal bergauf nach Rothenfels – übrigens die kleinste Stadt Bayerns –, und von hier aus weiter in den Ortsteil Bergrothenfels. Wälder und Wiesen geben sich hier ein Stelldichein, und der Blick führt über sanfte Hügel hin zum Lämmerhof der Schäferei Tausch.

... über Umwege zur Landwirtschaft

Hier lebt Reinhold Tausch mit seiner Frau Andrea und Tochter Selina. Er liebt dieses Leben in freier Natur mit seinen vielen Tieren, welches er sich über Jahrzehnte als Nebenerwerbslandwirt aufbaute. Eigentlich hat er ja Koch in Oberstorf gelernt, beginnt der rüstige 67-Jährige aus seiner Vita zu erzählen: „Nach der Ausbildung war ich für gut zehn Jahre in der ganzen Welt unterwegs. Zuerst für drei Jahre als Koch auf den damaligen Traumschiffen ,MS Europa‘ und der ,TS Hanseatik‘. Dann zwei Jahre in Schweden – nachts als Koch und tagsüber als Student der Betriebswirtschaft. Weiter ging es nach London, wieder mit der Doppelbelastung von Arbeit und Studium. Am Ende hab ich noch zwei Jahre in Berlin verbracht und mein Studium abgeschlossen“, erinnert sich Reinhold Tausch.
Nach dem Studium ging es beruflich nach Frankfurt, wo Tausch für 23 Jahre bei der Henninger Brauerei als Betriebsleiter arbeitete. Etwa in der Mitte seiner Frankfurter Jahre lernte er Andrea kennen. Was beide besonders verbindet, ist die Affinität zu Tieren und zur Landwirtschaft. 1986 wird geheiratet, ein Bauernhof in Bergrothenfels im Spessart bezogen und mit einer kleinen Schafzucht begonnen.

... der Sprung in die Selbstständigkeit

Die nächsten zwölf Jahre sind nicht leicht für die Familie, der Betriebswirt pendelt ständig zwischen Wohnort und Arbeitsplatz. 1993 werden die Zwillinge Selina und Carina geboren. Sie wachsen zusammen mit Hunden, Katzen, Ponys, Pferden und 600 Schafen auf, umgeben von sieben Hektar Wiesen. 1998, mit 50 Jahren, kündigt Reinhold Tausch in Frankfurt und wagt den Sprung in die Landwirtschaft als Vollerwerb.
Wenn der Visionär heute von seinem Lieblingsplatz auf die grünen Wiesenhänge schaut, ist er zufrieden und stolz auf sich und seine Familie. „Wir mussten uns breiter aufstellen, damit unsere nachhaltige Art von Landwirtschaft und Tierzucht weiterbestehen kann. So haben wir eine Herde mit 17 Gallowayrindern aufgebaut und Pferdestallungen errichtet. Heute stehen neben unseren eigenen zehn Pensionspferde auf dem Hof. Die stehen im Sommer alle auf großen Koppeln und nur im Winter in den Boxen.“

... immer mehr Wiesen kommen dazu

Rinder, Schafe und später Wasserbüffel – da ist ein großer Vorrat an Heu gefragt. Nicht weit vom Hof entfernt, steht ein Berg von Heuballen. Darauf angesprochen lacht der Landwirt und meint: „Das ist ja gerade mal die Hälfte dessen, was wir benötigen, um im Winter alle satt zu bekommen.“ Mit dem Bedarf hat sich auch die Landschaft verändert. Inzwischen und über viele Jahre hat Reinhold Tausch immer mehr Agrarflächen langfristig gepachtet und in Wiesen verwandelt. Auf inzwischen 150 Hektar wird jetzt nicht mehr gedüngt und gespritzt. Und der Idealist – manchmal auch der „Landschaftsgärtner von Bergrothenfels“ genannt – freut sich über die vielen Blumen und Kräuter, die hier wieder einen Lebensraum erhalten haben. Mit Stolz fügt er an: „2015 haben wir am Wettbewerb ,Bayerns schönste Wiesen‘ teilgenommen und den vierten Platz erreicht.“

Schäfermeisterin mit Auszeichnung

Besonders stolz ist der Vater derzeit auf seine Tochter Selina. Zum einen freut er sich über ihre Entscheidung, den Lämmerhof mitzuführen, zum anderen über ihre eben abgeschlossene Berufsausbildung als Schäfermeisterin mit der hervorragenden Note von 1,27. Selina führt den Weidebetrieb mit allem, was dazugehört: vom Hufschneiden bis zur Lämmergeburt. Dazu bildet sie ihre Hütehunde selbst aus. „In ihrer Abschlussarbeit hat Selina eine dokumentierte Testreihe gemacht“, berichtet Vater Reinhold. „Eine Gruppe von Lämmern erhielt nur Kraftfutter und die andere Gruppe ernährte sich nur auf der Weide. Und entgegen Expertenmeinung nahmen die Weidelämmer schneller an Gewicht zu. Da sieht man mal wieder, unsere Wiesen haben alles, was die Tiere brauchen!“ Um der Arbeit auf dem Hof Herr zu werden, arbeiten alle mit. Auch Tochter Carina, von Beruf Erzieherin, kommt am Wochenende und kümmert sich zusammen mit ihrer Mutter um die Pferde und die derzeit fünf Hunde.

Allen Tieren mit Achtung begegnen

Alle Tiere liegen der Familie am Herzen, und so auch die kleinen Rehkitze. Wird eine Wiese gemäht, wird eine Vielzahl von Pflöcken mit Säcken und Lichtern von den Jägern gesetzt. Der Sack als Fremdkörper und das Licht der Lampen vertreiben die Rehe und ihre Kitze. „Das ist viel Aufwand, aber wir wollen nicht, dass auch nur ein Kitz durch unsere Maschinen sterben muss“, erklärt Tausch. So war es für ihn auch immer ein Bedürfnis, mit Nutztieren anders umzugehen, als es meist üblich ist. „Ich habe die Bilder nie aus dem Kopf bekommen, unter welchen Umständen unsere Tiere überwiegend gehalten werden. Wenn der Mensch Fleisch essen will, soll er seine Achtung gegenüber dem Tier zeigen. Und das kann er unter anderem, indem er Biofleisch erwirbt und am besten noch die Haltung selbst gesehen hat“, sagt der von Bioland zertifizierte Bauer.

... die Wasserbüffel kommen

Eine große Attraktion auf dem Hof und im Hafenlohrtal sind seine Wasserbüffel, die er 2013 von einem Hobbylandwirt aus der Region übernommen hat. Zusammen mit dem Naturpark Spessart e.V. und als Pilotprojekt des Bayerischen Staates wurden alte Fichtenkulturen gerodet und ein offenes und artenreiches Wiesental wiederhergestellt. Die nassen Brachflächen eignen sich in idealer Weise zur Büffelhaltung. Zum einen sind sie mit ihren breiten Klauen für sumpfige Flächen bestens ausgerüstet, zum anderen sind Büffel besonders genügsame Tiere, die sich auch von Schilf, Sauergräsern, Binsen und Sumpfblumen ernähren. Heute haben sich in den Auen wieder seltene Tier- und Pflanzenarten angesiedelt – der Einfluss der Wasserbüffel ist jetzt sogar wissenschaftlich nachgewiesen, sagt Salomon Christian, der als Naturschutzbeauftragter partnerschaftlich mit Reinhold Tausch zusammenarbeitet.
Jeweils im Mai werden die Büffel von der Winterweide am Lämmerhof ins Tal gebracht. Auch hier kommt aktiver Tierschutz zum Einsatz. Die Tiere werden in einem besonderen Hänger transportiert. Dieser kann bis zum Boden abgesenkt werden, und alle Tiere – ob Schafe, Pferde, Rinder oder Büffel – können ebenerdig den Hänger begehen. Der Landwirt dazu: „Jeder kennt die Angst der Tiere, wenn sie über steile, rutschige Rampen gehen sollen. Dabei gibt es diese wunderbare technische Möglichkeit. Nur ist die halt etwas teurer, und die wenigsten Bauern wollen sich das leisten.“
Für die Winterzeit wurde gleich neben dem Bauernhof ein neuer Stall gebaut –mit beheizbarem Wasser und Strom versehen für alle Fälle. Und egal, ob sich die Büffel im Tal oder auf dem Berg befinden: Der von der Presse schon „Büffelflüsterer“ genannte Landwirt braucht nur laut zu rufen, schon kommt die Herde gelaufen. Allen voran der von Hand mit der Flasche aufgezogene Koloss „Jonathan“.
Fast wäre es mit den Wasserbüffeln nie etwas geworden. Und mit Entsetzen erinnert sich der Bergrothenfelser Landwirt und Freigeist noch daran, dass das schöne Hafenlohrtal für einen Trinkwasserspeicher geflutet werden sollte. Nach jahrzehntelangem Kampf wurde das Projekt 2008 endgültig eingestellt, die Widerständler hatten unter ihrem Motto „Rettet das Hafenlohrtal“ gesiegt.
Reinhold Tausch hat sich seinen Traum erfüllt und lebt mit seiner Familie, umgeben von Wiesen und Wäldern, mit vielen Tieren zusammen. Auch wenn es für ihn immer wieder ein schmerzhafter Prozess ist, sich von den Tieren zu trennen. Tröstlich für ihn: Alle Tiere hatten hier bis zu ihrer Schlachtung ein würdiges, artgerechtes und schönes Leben.
Die Vermarktung des Rinder- und Büffelfleisches bewerkstelligt die Familie selbst. Es gibt inzwischen eine feste Stammkundschaft, die im Voraus die Pakete mit zwischen sieben und zehn Kilogramm bestellt und am Hof abholt. Telefonisch können Kunden die Termine erfragen, die ein- bis zweimal im Jahr anstehen, und werden dann benachrichtigt, wenn geschlachtet wird. Das Fleisch des Wasserbüffels ist übrigens besonders fett- und cholesterinarm, dafür mit einer feinen wildartigen Note versehen und reich an gesunden Fettsäuren und Mineralstoffen.
Lammfleisch ist monatlich auf Anfrage zu bekommen – jeweils als halbes Lamm mit etwa 10 bis 12 Kilogramm. Hier haben die Tauschs ganze Arbeit geleistet, denn das Lamm ist verbraucherfreundlich portioniert, eingeschweißt und der Inhalt exakt beschriftet, sodass der Kunde immer genau weiß, um welches Stück Fleisch es sich in der Truhe handelt.
Wer also auf den genussvollen Verzehr von Fleisch, dessen Haltung und Herkunft vorbildlich sind, Wert legt, dem sei der Lämmerhof wärmstens empfohlen. Zudem rentiert es sich, etwas Zeit mitzubringen und die unglaubliche Landschaft der sanften Berge und des wilden Hafenlohrtals zu erkunden. Mit etwas Glück nimmt sich Landwirt Tausch auch etwas Zeit und erzählt eine seiner erlebten, spannenden Geschichten oder gibt Tipps für gelungene, leckere Lammgerichte.
Schäferei Tausch, Lämmerhof, 
97851 Bergrothenfels, Tel. 09393/13 35, 
E-Mail: tausch.rothenfels@freenet.de

Roland Schwerdhöfer

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